Der seit seiner Emigration aus Deutschland in den USA lebende Herbert Marcuse hatte mit Blick auf die moderne westliche Industriegesellschaft von einer Gesellschaft ohne Opposition gesprochen, einer Einebnung des Gegensatzes zwischen dem Gegebenen und dem Möglichen, in deren Folge auch die Möglichkeit der Veränderung der eigenen gesellschaftlichen Wirklichkeit aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinde.
Von diesen [...]
Letztes Jahr gab es -selbstverständlich begleitet von den unvermeidlichen Danksagungen und Empfehlungen der Geschäftsführung- für jeden Mitarbeiter des Hauses zum Jahresende einen Reisewecker als Präsent, der zugleich auch das Datum und die Zimmertemperatur anzeigen konnte.
In diesem Jahr war es ein Wandkalender mit den monatlich wechselnden Fotomotiven bekannter Städte. Auf dem vorderen Deckblatt davon ist [...]
Auf youtube sehe ich alte Videoaufnahmen vom Norbert-Kubat-Dreieck. Die Kamera schwenkt über selbst gebaute Hütten, Holztürme und Zelte.
Eine Einstellung zeigt die für die Presse aufgereihten etwa eintausend von der Polizei abgeschossenen Tränengasgranaten, deren ausgebrannte Kartuschen nach einem nächtlichen Polizeieinsatz gegen das Zeltdorf dort liegen geblieben sind.
Doch ein nicht unbeträchtlicher Teil jener Granaten war damals im [...]
Ohne festes Gefühl dafür, welcher der beiden Wege der weitere, längere ist -jener bereits zurückgelegte oder der, der noch vor mir liegt- blicke ich auf den ruhenden Text.
Ich beginne darin zu lesen, blätter weiter zurück:
Wie bei einer Wanderung am Strand, bei der man eine angeschwemmte und im Sand liegende Muschel betrachtet, einen einzelnen Stein aus [...]
Mit dem Ende des Wintersemesters und dem Beginn der vorlesungsfreien Zeit- schon nach Weihnachten war es in den Veranstaltungen, Seminaren und Vorlesungen und den Straßen genannten Fluren in der Rostlaube der Freien Universität bereits spürbar leerer geworden- waren auch jene Aktivitäten und Zusammenkünfte des Arbeitskreises, die mich sonst jede Woche nach Kreuzberg geführt hatten, eine [...]
Ich erinnere mich noch an die Besuche Carolins, die mich, Teil jenes rätselhaften Geflechts und Netzwerks von Menschen, in dem sie sich bewegte, von Zeit zur Zeit in meiner Wohnung aufgesucht hatte, meist spontan, ohne sich vorher anzukündigen, unbekannten Gedanken, Impulsen und Anziehungskräften dabei folgend, nie vorhersagbaren Gezeiten und Plänen. . .
Ich erinnere mich daran, [...]
Ich erinnere mich noch genau an die alles durchdringende Kälte jener eisigen Januar- Februartage am Beginn des Jahres 1985: an das kaum beheizbar gewesene und niemals wirklich warm werdende Zimmer, jene Einzimmerwohnung im Wedding, in der ich damals wohnte, ein paar Monate zuvor eingezogen war.
Ich erinnere mich an den Kohlengeruch und den aufwirbelnden rötlichen Staub [...]
Und wie soll es nun weitergehen? fragt mit einem Mal eine der beiden Stimmen in das entstandene Schweigen, die Stille hinein.
Ich weiß nicht. . .
Einfach weiter erzählen?
Du meinst?
Ja-
Aber wie- und wo fortfahren?
Tja-
Und was denkst Du?
Ich weiß es nicht. . .
Eine Pause entsteht.
War ja irgendwie klar, dass das nicht funktionieren kann [...]
"Geschichte von unten gegen die Geschichtsschreibung von oben"- mein Blick fällt auf das neue Plakat – ist es tatsächlich neu, oder habe ich es beim letzten Mal vielleicht nur übersehen? - das im Fensterglas an der Ladenfront des Papiertigers angebracht worden ist.
Drinnen aber stapeln sich an den Wänden die Ordner mit Zeitungsberichten, tausenden von Artikeln, [...]
Was vom Krieg nicht zerstört oder was in den Jahren danach wieder aufgebaut worden war: Was die Stadtteilsanierung der 60er und der 70er Jahre überstanden hat und die postmodernen Architektenentwürfe der 80er- Was den spekulativen Leerstand und Verfall ganzer Straßenzüge überdauerte und zugleich für die unterschiedlichsten Menschen zur Zuflucht wurde, hat nach [...]
Insgesamt 216 Brandanschläge auf Autos: Diese Zahl zumindest nennt eine eigens im Internet eingerichtete und unter www.brennende-autos.de nachzulesende "Chronologie der Brandanschläge" für das vergangene Jahr in Berlin.
Dabei gehe man, laut einem im November 2009 im Berliner "Tagesspiegel" erschienenen Zeitungsartikel, seitens des Berliner Innensenats davon aus, dass „rund die Hälfte der Brandanschläge auf Autos in [...]
Während Stadtentwickler, Eigentümer und Investoren auf eine weitere "Aufwertung" und "Veredelung des Wohnumfeldes" im Wrangelkiez und in anderen Teilen Kreuzbergs setzen, regt sich unter den von der fortschreitenden Umstrukturierung im Stadtteil betroffenen Menschen zunehmend Widerstand.
Anders als noch in den Neunzigerjahren setzen neue gentrifzierungskritische Initiativen wie die "Wir bleiben Alle!"- Kampagne in Berlin heute auf [...]
Mir wird klar, dass der Unruhe, die mich drängt, die Erzählung an diesem Punkt der Geschichte wieder aufzunehmen und von Carolin, dem was später geschah zu erzählen, etwas ebenso starkes entgegensteht, eine ebenso starke Bereitschaft, den Zeitpunkt dafür noch hinauszuschieben und stattdessen auf anderes auszuweichen, über andere Begebenheiten zu sprechen-
Über aktuelle Ereignisse wie die Demonstration [...]
Oder geht es darum, alte Rechnungen zu begleichen und im Nachhinein Recht zu behalten, deine einstigen eigenen Ahnungen und Voraussagen nun bestätigt zu sehen? Darum Notwendigkeiten und Bestimmungen zu konstruieren, Gründe für dein früheres Handeln und zugleich für dein späteres Schweigen?
Geht es dir nur darum deine Wirklichkeit, deine eigenen Widersprüche und Versäumnisse darin von dir [...]
Und warum überhaupt alles das noch einmal wiederholen und an dieser Stelle erzählen- die vergessenen Aufbrüche, all die kurzlebigen Überzeugungen und Ideen, Hoffnungen und Illusionen einer Generation, die nur eine ist von den vielen, die gekommen sind, und die noch kommen werden, eingeholt von der Wirklichkeit, den Erfordernissen des Alltags wie vorausgesehen, längst verschwunden im [...]
Vielleicht bedeuten die Worte ja gar nichts, vielleicht klingen sie nur. . . wie so viele Male zuvor suche ich jenen imaginären Anfangspunkt innerhalb meiner Gegenwart, meiner eigenen Geschichte. Doch es will nicht gelingen.
Ungewiss, wie in einem Notizbuch voller angefangener Entwürfe, rasch notierter Gedanken, flüchtig festgehaltener Momente und dazwischen liegender unbeschriebener Seiten, in dem [...]
Parallel dazu setzt sich indessen auch der begonnene Prozess der Umwandlung von Mietraum in Eigentumswohnungen weiter fort. So werden nach und nach ganze Häuserblocks der Verfügbarkeit für die Allgemeinheit entzogen.
An der Spitze dieser Entwicklung steht dabei die Schaffung von Luxuswohnungen in Kreuzberg, der Bau sogenannter "Carlofts" mit "Garten und eigener Garage auf jeder Etage", deren [...]
Die Entwicklung, so scheint es, wiederholt sich nach einem stets wiederkehrenden Muster- auch wenn ihr letztendlicher Ausgang in diesem Falle noch nicht absehbar und entschieden sein mag. Was mag in fünf, was in zehn Jahren sein?
Zu der plötzlichen Anziehungskraft des einstigen "Problembezirks" und "sozialen Brennpunktes" auch für einkommensstärkere Schichten und der ungebrochenen Attraktivität von Gebieten [...]
Heute, mehr als anderthalb Jahrzehnte danach, ist der Gentrifizierungsprozess in Kreuzberg bereits weit voran geschritten. Wohnungs- und Gewerbemieten im Stadtteil sind teilweise dramatisch gestiegen und erreichen mancherorts schon die gleiche Höhe wie in Berlin-Wilmersdorf und Charlottenburg.
Investorenprojekte wie das "Mediaspree-Projekt" haben in den ehemaligen Lagerhallen, Kühlhäusern und Speichern beidseits der Spree und mit ihnen auch [...]
In ihrer Kritik der "derzeitigen Situation in proletarischen Stadtteilen" hatte die Gruppe die "vielfach tiefe" Spaltung der eigenen Klasse beklagt, Nihilismus und Sprachlosigkeit. In der eigenen Sprache aber hatte man, ohne Blick und Gespür für die jüngere deutsche Vergangenheit, die vermeintlichen Klassenfeinde mit Schädlingen verglichen und als "Parasiten" bezeichnet.
Die Gedankenlosigkeit in der Wortwahl, der oftmals [...]
Die politische, ökonomische und soziale Wirklichkeit, auf deren Boden man sich bewegt hatte, war jedoch weitaus vielschichtiger, als der Gruppe, so scheint es, bewusst gewesen war, die Zusammenhänge, wechselseitigen Abhängigkeiten und Verflechtungen darin zweifellos komplexer.
So war es letzten Endes wohl kaum vermeidbar gewesen, dass man sich dabei in der Widersprüchlichkeit der Verhältnisse selbst [...]
Anders als von einigen ein paar Jahre zuvor noch geglaubt, hatte sich jene neu entstehende Mittelschicht indes keineswegs nur infolge eines wachsenden Zustroms von Außen gebildet, eines Zuzugs der "Reichen" und "Yuppies" nach Kreuzberg. Sie war ebenso das Ergebnis einer nach und nach sichtbar werdenden Entwicklung gewesen, eines Wandels, der sich innerhalb der vorhandenen Bevölkerung [...]
Einige Jahre später hatte eine andere neu gegründete militante Gruppe an die früheren Aktionen der einstmaligen Kübel-Gruppe angeknüpft und unter dem Namen "Klasse gegen Klasse" unter anderem eine Reihe von Brand- und von Sprengstoffanschlägen verübt, nicht nur innerhalb sondern auch außerhalb Kreuzbergs.
Auch hier war mit dem "Auerbach" in der Köpenicker Straße, analog zum damaligen Anschlag [...]
Schon in früheren Jahren war es aus dem autonomen Spektrum heraus zu einer Reihe von Anschlägen gekommen, die sich in ihrer Zielsetzung gegen steigende Mieten und eine drohende "Umstrukturierung" in Kreuzberg gerichtet hatten (der Begriff Gentrification wurde damals noch nicht gebraucht).
Als Teil eines "proletarischen Stadtteilkampfes" verstanden, hatten sich die damaligen Aktionen dabei gegen eine befürchtete [...]
Wo wir jetzt bereits zu dem Schluss gelangt sind, das dies alles hier, der gesamte Moment nicht real ist, und auch wir darin nur Erfindung sind; Sollten wir uns da nicht die gleiche Frage ebenso auch noch mal in Bezug auf den Autor stellen? schlägt eine der Stimmen vor. . .
Ach das hatten wir [...]
Pass bloß auf, dass du dir dabei nicht die Finger verbrennst, wenn du über die Brandanschläge in Kreuzberg schreiben willst, rät mir eine der Leserstimmen verschwörerisch, im Moment sind die da glaube ich ziemlich scharf hinterher. . . Und wen meinst du mit "Die"? fragt im nächsten Moment eine zweite Stimme zweifelnd. . . [...]
Die Entwicklung, so scheint es, wiederholt und vollzieht sich nach einem stets wiederkehrenden Muster. Zuerst kommen die Jungen und Kreativen in ein bis dahin kaum als attraktiv wahr genommenes Stadtviertel: Freiberufler, Künstler und Studenten auf der Suche nach preiswerten Wohnungen, nach Büroräumen, Werkstätten und Ateliers.
Kleine Gallerien und Läden entstehen, neue Restaurants, Bars und Cafés. So [...]
Was vom Krieg nicht zerstört worden oder was in den Jahren danach wieder aufgebaut worden war,- was nicht während der Sechziger und der Siebziger Jahre im Zuge der Stadtteilsanierung abgerissen wurde oder aber von Hauseigentümern und Immobiliengesellschaften aus Spekulationsgründen dem Verfall überlassen und unbewohnbar gemacht worden war, sollte zu einer Zuflucht werden: einem Ort für [...]
Draußen vor dem Shisha indes werden die Gespräche an den Nachbartischen wiederum um die unterschiedlichsten Fragen und Inhalte kreisen, keineswegs nur um Kiez- und um Nachbarschaftsklatsch, um Alltägliches und Banales.
Und genauso überraschend vielleicht wie die unverhoffte Vielfalt und Bandbreite ihrer Themen, wie der mitunter plötzliche Sprung und Wechsel von einem hin zum anderen wird dem [...]
Heute, also nach jener wundersamen Verwandlung, in deren Folge die Wrangelstraße und der gesamte Kiez nunmehr zur Ausgehmeile geworden ist und zum neuen Paradies für Nachtschwärmer, wie ich irgendwo neulich las- heute weiche ich an den Wochenenden manchmal notgedrungen beim Laufen vom Bürgersteig auf die Fahrbahn aus, wenn im dichten Gedränge dort, an den [...]
Irgendwann, auf wessen Einfall und Inspiration hin auch immer, hatten die Leute aus dem Wrangelladen damit begonnen, die gebrauchten Filtertüten mit Kaffeesatz, die beim sonntäglichen Frühstückbuffet oder aber nach der jeden Mittwoch dort stattfindenden Kiezküche übrig geblieben waren, aufzuheben und zu sammeln, anstatt sie in den Müll zu werfen.
Wenn sich aber nun einer jener ungeliebten [...]
Später hat man das Obdachlosenheim in der Schlesischen Straße geschlossen und stattdessen im gleichen Gebäude das Standesamt untergebracht. . .
Seine ehemaligen Bewohner aber wurden aus dem Ihnen vertrauten Alltag und Umfeld herausgerissen und danach auf verschiedenste andere Heime und Unterkünfte quer über die ganze Stadt hinweg verteilt.
So ist das Straßenbild in der Wrangelstraße heute [...]
Früher, in der Zeit vor dem Mauerfall noch, waren, wie bereits am Anfang der Geschichte erzählt, kaum Besucher und Touristen in den Wrangelkiez und die Gegend um das Schlesische Tor herum gelangt.
Diejenigen aber, die hierher gefunden hatten, waren zumeist junge Rucksacktouristen gewesen: angezogen von der Szenekultur und dem anderen Leben im damaligen West-Berlin, von der [...]
Was bringt Menschen dazu ihre eigene Wirklichkeit und Geschichte, die politischen und sozialen Verhältnisse, unter denen sie leben, verändern zu wollen, was hält sie davon ab?
In Der eindimensionale Mensch hatte Herbert Marcuse die Freiheit von Mangel als konkrete Substanz aller Freiheit bezeichnet und zugleich die Befriedigung der vitalen Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Wohnung auf [...]
So mögen Vorstellungen vom Verschwinden der Geschichte und der darin handelnden Subjekte, vielleicht eher unsere persönliche Wahrnehmung der Realität beschreiben und die angesichts der globalen Entwicklungen verspürte eigene Machtlosigkeit wider spiegeln, als die Wirklichkeit geschichtlicher Prozesse.
Und manche Kritiker der postmodernen Philosophie, wie sie in den Schriften Beaudrillards zum Ausdruck kommt, mögen hier einen weiteren Anhaltspunkt [...]
Macht es tatsächlich Sinn von einem Verschwinden des Subjekts zu sprechen? Oder aber von einem Verschwinden der Geschichte? Ich denke, nein-
Auch wenn uns unsere eigene Gegenwart und Geschichte immer wieder entgleitet, aus den Händen gerät, die Vergangenheit uns im Rückblick darauf unbewiesen erscheinen mag und vielleicht unbeweisbar.
Oder uns zuweilen das Gefühl eines Stillstands darin [...]
Was bringt Menschen dazu, ihre eigene Geschichte verändern und die ihnen gesetzten Grenzen überschreiten zu wollen? Welche äußeren oder inneren Umstände und Ereignisse, welche individuellen oder kollektiven Bedürfnisse und Motive?
Oder anders gefragt: Was hält sie davon ab, die sozialen Verhältnisse und die vorgefundenen Bedingungen ihres Alltags neu zu ordnen, und von sich aus, wie [...]
Was bringt Menschen dazu, ihre eigene Geschichte in Frage zu stellen? Was lässt sie an den scheinbar unverrückbaren Bestimmungen ihres Daseins zweifeln, an der Selbstverständlichkeit, den Bedingungen ihrer Wirklichkeit, und mit einem Mal das Wagnis eingehen, sich ihnen entgegen zu stellen?
Sind es Vorstellungen von Gerechtigkeit und von solidarischem Handeln, eine Ahnung von Freiheit, einem [...]
Vor dem Hintergrund eines rasch sich vollziehenden Wiederaufbaus und prosperierenden Marktes aber schienen auch jene kritischen Stimmen, die nach Kriegsende mit Blick auf das Scheitern der Weimarer Republik eine zentrale Planung der Wirtschaft durch Staat und Gesellschaft im Westen Deutschlands und im gleichen Zug die Verstaatlichung wichtiger Schlüsselindustrien gefordert hatten, in ihren Mahnungen und Befürchtungen [...]
Im Verlauf jenes mit der Teilung Deutschlands und der Bildung zweier deutscher Staaten einsetzenden Wettstreits der gegensätzlichen und miteinander konkurrierenden Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme war der Westen dem Osten auf ökonomischem Gebiet schließlich uneinholbar davon geeilt.
Das aus konservativen Kreisen heraus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Westdeutschland in aller Eile als Gegenmodell zur [...]
Mit der Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus im anderen Teil Deutschlands konfrontiert hatten die Studentenbewegung der 68er oder aber die nach ihr entstehenden linken Strömungen in den Siebziger Jahren kaum eine reale Chance gehabt, die Bevölkerungsmehrheit in West-Deutschland und in West-Berlin für die eigenen Zielsetzungen zu gewinnen.
Angesichts einer Deutschen Demokratischen Republik, die eine weitere massive [...]
Lieber S., [...]
Von den zahlreichen Kritzelbildern, den Postkarten und den oftmals auf kleinen Zetteln oder aber auf der Rückseite eines silbernen Zigarettenpapiers von Carolin hinterlassenen Botschaften ist nur weniges erhalten geblieben.
Doch ich habe noch ein paar Fotografien von ihr, manche davon in Farbe, andere in Schwarz-Weiß.
Heute habe ich einen Brief von ihr erhalten. Und nachdem ich [...]
„Im Leben des Menschen gibt es zwei Gefängnisse", hatte Andreas damals während eines unserer Pausengespräche im Klinikum zu mir gesagt: "die Vergangenheit und die Zukunft." Ein Satz, der wohl ursprünglich von einem Zen-Meister stammte, von dem Andreas mir seinerzeit erzählt hatte, an dessen Namen ich mich jedoch nicht mehr erinnere.
Die Worte selbst aber sind mir [...]
Suche die Freuden nicht im Alkohol, sondern in der Schönheit in der Schöpfung geht es mir noch einmal durch den Kopf.
Schön ist die Wrangelstraße, ist der Kiez zwischen Tabor und Skalitzer, Schlesischer und Görlitzer Straße in Kreuzberg nie gewesen, weder in jener längst vergessenen Zeit vor dem Mauerfall, noch in seiner gegenwärtigen neuen Gestalt. [...]
Zwischen Bildern der neuen Wrangelstraße mit ihren Restaurants, Bars und Cafés, ihren neu eröffneten Geschäften, Bilder der alten: Längst ist das Haus, in dem sich einst das Kuckucksei, jener Ort also an dem seinerzeit die wöchentlichen Treffen des bereits erwähnten Autonomen Arbeitskreises stattgefunden hatten, abgerissen worden und an seiner Stelle ein Neubau entstanden.
Und längst ist [...]
Aus dem Niedergang der Studentenbewegung heraus hatte sich in den Siebziger Jahren eine in sich gespaltene mehr von Gegensätzen als Gemeinsamkeiten geprägte gesellschaftliche Opposition heraus gebildet und weiter entwickelt.
Jenseits der DDR-nahen Deutschen Kommunistischen Partei und deren West-Berliner Ableger SEW hatte sich eine Neue Linke entwickelt, die ihrerseits jedoch keineswegs eine einheitliche politische Strömung darstellte.
Eher Sammelbegriff [...]
Statt sich enger zusammen zu schließen und sich neu zu vernetzen haben linke und soziale Bewegungen in den Phasen von Rückschlägen, des Zurückgeworfenseins und der eigenen Schwäche, so scheint es, gerade umgekehrt die Tendenz, sich noch mehr als zuvor aufzuspalten, zu zersplittern.
Nicht Gemeinsames, Mögliches wird gesucht sondern Trennendes und sich Ausschließendes, Unvereinbares.
So scheint ausgerechnet [...]
Wir als später Geborene aber hatten weder den Aufbruch der 68er-Generation und der damaligen Studentenbewegung erlebt, noch jenen späteren Marsch durch die Institutionen, sondern selber nur noch deren Ausläufer mitbekommen.
Jene einstigen Marschierer waren uns indes als Sozialarbeiter und Pädagogen in Jugendzentren begegnet, als angehende Staatsdiener, junge Lehrer und Referendare.
Und aus der schonungslosen Sicht unserer eigenen [...]
Was aber war tatsächlich geschehen? War jener versuchte Marsch durch die Institutionen der 68er-Generation nicht bereits von Beginn an illusionär und zum Scheitern verurteilt gewesen?
Hatte damals eine wirkliche Chance des Gelingens bestanden und waren seine Protagonisten dabei womöglich nur vom Weg abgekommen? Oder hatte es einen solchen Weg nie gegeben?
Hatten sich die Marschierer nicht [...]
Der sogenannte Marsch durch die Institutionen, zu dem die 68er-Generation aufgebrochen war, war gescheitert. Denn nicht die Institutionen hatten sich dabei letzten Endes verändert, sondern nur die Marschierer, wie Peter-Paul Zahl in seinem Roman Die Glücklichen im Rückblick auf diese Zeit geschrieben hatte.
Der Versuch einer sanften Unterwanderung und einer grundlegenden Neuordnung der Gesellschaft von innen [...]
Anfangs noch als studentische Initiative und politische Hochschulgruppe gegründet, hatte sich jener Autonome Arbeitskreis, zu dessen wöchentlichem Plenum in der Wrangelstraße Carolin mich mitgenommen hatte, in der Folgezeit immer mehr von seinen ursprünglichen Tätigkeitsfeldern zu entfernen begonnen.
Nach und nach hatten sich mit den Zielsetzungen auch die praktischen Aktivitäten der Gruppe aus den Grenzen der Gremienarbeit, [...]
Mehrfach schon hatte Carolin mir von einer neu gebildeten Studentengruppe erzählt, die sich einmal in der Woche in Kreuzberg traf und die zusammen gekommen war, um über politische Themen zu diskutieren und gemeinsame Aktionen zu planen.
So hatte ich Carolin, die nicht locker gelassen hatte, bis ich irgendwann zugestimmt hatte, einmal mitzukommen und an einem der [...]
Wenn nun aber das persönliche und politische Handeln nicht länger durch die Grenze von legal oder illegal bestimmt werden konnte, mussten andere Kriterien darüber entscheiden, was sinnvoll war und machbar, was gerechtfertigt, richtig und erlaubt: ethische wie auch taktische und strategische Gesichtspunkte, objektive wie gesellschaftliche und historisch bedingte Faktoren ebenso wie persönliche, subjektive Aspekte.
Schließlich [...]
Um das Leben der Menschen zu verändern und aus seinen bestehenden Schranken lösen zu können, mussten nicht allein die vorhandenen politischen und sozialen Verhältnisse in Frage gestellt werden, sondern auch jene ihnen zugrunde liegende scheinbar unverrückbare Ordnung.
Die Begrenzungen einer Wirklichkeit, eines Denkens, dessen ideologische Basis in jenem notwendig falschen Bewusstsein begründet lag, von dem [...]
Erst beginnst du dein Kapitel über Waschsalons mit einem Satz über zufällige Begegnungen in der Großstadt und romantische Liebe undsoweiter und man wartet schon ganz gespannt darauf, was jetzt kommen wird, und dann folgt daraus wieder keine Geschichte, sondern letztendlich passiert überhaupt nichts, hält mir eine der Leserstimmen vor.
Eine zweite Stimme räuspert sich vernehmlich, [...]
Niemals habe ich es erlebt, dass jener stille Bewohner des Waschsalons irgendetwas gesagt hätte, sich mit einem der anderen Besucher dort unterhielt. Und ich habe auch nie beobachtet, dass er irgendwann einmal einen der von ihm gedrehten Joints anderen angeboten und mit ihnen geteilt hätte.
So war es offenbar nicht der Wunsch unter Menschen [...]
Über den Winter hinweg hatte ein Mann dort im Waschsalon gewohnt, gemeinsam mit einem großen und schwerfälligen alten Hund, der sich bei ihm befand, und mit dem er sein Leben zu teilen schien.
Der Mann war, so vermute ich, noch nicht älter als dreißig gewesen, eher jünger als das, schlank und groß, mit zu Rasta-Zöpfen geflochtenem [...]
Auf der Suche nach einem neuen Waschsalon war ich eher zufällig im Vorbeifahren auf ein Waschcenter im benachbarten Friedrichshain gestoßen, im ehemaligen Ostteil also von Berlin.
Das Waschcenter befand sich direkt an der Warschauer Straße und gehörte bereits zu jener neuen Generation von Waschsalons, wie man sie nunmehr nahezu überall antrifft. Der Automat, an dem [...]
Mein Weg zum Waschsalon führte mich also fortan einmal in der Woche bis nach Neukölln: ein Umstand, den auch Martin, dem ich davon erzählte, damals nur mit einem Kopfschütteln quittiert hatte.
„Hm. Gibt es da denn nicht noch eine andere Lösung? Ich meine, gibts nicht irgendwo noch was anderes hier in der Nähe?"
„Nein, soweit ich weiß [...]
Schneller als ich selbst es am Anfang geglaubt hatte, hatte ich mich an den neuen Ort zu gewöhnen begonnen, ohne damals zu ahnen, dass auch der Waschsalon in der Wiener Straße nach einiger Zeit geschlossen werden würde.
Über den tatsächlichen Hintergrund jener späteren Schließung kann ich dabei indes auch in diesem Fall nichts Gewisses sagen.
Sicher [...]
Rituale, weiß die vielwissende Wikipedia zu berichten, vereinfachen die Bewältigung komplexer lebensweltlicher Situationen. Dabei geht es jedoch keineswegs nur darum, unseren Handlungen einen tieferen Symbol- und Bedeutungsgehalt zu verleihen.
Denn vielmehr noch als das versöhnen Rituale uns mit uns selbst, mit dem Leben, dem Gleichlauf und der Wiederkehr von Ereignissen, Handlungen, Dingen.
So entschärfen sie [...]
Anders als mein früherer Waschsalon war der Waschsalon in der Wiener Straße an den meisten Tagen gut besucht gewesen, sodass es nicht selten vorkam, dass ich mit meiner Wäsche dort warten musste, bis schließlich eine der Maschinen oder Schleudern dort frei wurde.
Türkischstämmige Frauen kamen mit ihren Kindern und mit großen voll gepackten Taschen und [...]
Der Waschsalon in der Wiener Straße gehörte, so wie der zuvor in der Oppelner Straße auch, noch zu einem Typ, einer Generation von Waschsalons, wie man sie heutzutage schon längst nicht mehr antrifft.
Um dort waschen und eine der Maschinen starten zu können, musste man zunächst eine sogenannte Waschpolette kaufen, eine Art Münze, die man vor [...]
„Das Prinzip ist ganz einfach", hatte Steffen erklärt und mich in den hinteren Teil seines Zimmers geführt. Dort hatte an einer Wand ein Karton auf dem Boden gestanden, in dem sich, wie ich sah, bereits ein paar gebrauchte Wäschestücke befanden.
„Also gut, pass auf. Du nimmst dir einen Pappkarton, so wie diesen hier, und [...]
In meiner kleinen und nur aus einem einzigen Raum bestehenden Wohnung hatte es damals nirgendwo einen möglichen Platz gegeben, um dort zusätzlich noch eine Waschmaschine unterzubringen.
So war mir schließlich nichts anderes übrig geblieben, als meine Wäsche von nun an entweder bei Freunden und Bekannten zu waschen, oder auf einen anderen Waschsalon auszuweichen.
Beide Möglichkeiten aber waren [...]
Früher, also in jener weit zurück liegenden Zeit, von der ich bereits am Beginn der Geschichte zu erzählen begonnen hatte, um dann zu anderen Dingen zu kommen. . .
Früher gab es noch einen eigenen Waschsalon hier im Kiez, in der Oppelner Straße, einer Seitenstraße, die vom U-Bahnhof Schlesisches Tor auf [...]
Waschsalons oder Bushaltestellen, Warteschlangen in Supermärkten, Straßenbahnen oder U-Bahnwaggons, in denen Menschen sich gegenüber sitzen, gehören zu den möglichen Orten zufälliger Begegnungen im Alltag großer Städte. Und als solche zugleich in unsere kollektive Phantasie von romantischer Liebe.
Denn erstaunlicher Weise sind wir eher bereit, in der zufälligen Begegnung zweier Menschen etwas Schicksalhaftes zu erkennen, als in [...]
Die Geschichte weist bestimmten Geschehnissen eine Bedeutung zu. Andere bleiben ungenannt.
In den Medien, die gewissermaßen eine Vorstufe der Geschichte bilden, einen ersten Filter, den der Strom der Ereignisse und der Informationen auf dem Wege dorthin zu durchlaufen hat, kommen bei der Entscheidung, was am Ende zur Nachricht wird, nicht zuletzt ökonomische Aspekte zum tragen.
Schließlich [...]
Warum werden manche Ereignisse zu Geschichte und andere nicht? Und warum gehen manche Menschen späterhin darin ein, während andere in Vergessenheit geraten?
Hängst dies tatsächlich nur von der Tragweite des Geschehenen ab? Von der jeweiligen Bedeutung der beteiligt gewesenen Akteure?
Und falls ja, was verleiht den Ereignissen und den in sie verwickelten Personen letztendlich [...]
Sind das hier alles eigentlich wirklich Sachen, die die Leute dir so persönlich gesagt haben oder per Email geschrieben, oder denkst du dir das in Wahrheit nur aus?, fragt mich eine der Leserstimmen. Ja, das wollte ich eigentlich auch schon mal fragen, höre ich eine zweite Stimme sagen.
Eine dritte Stimme kommt hinzu: Wenn ich jetzt [...]
Mit der nächsten Mail aber kommt schließlich das Große Glück auch zu mir: Sie haben eine Million Euro gewonnen, so die freudige Mitteilung, die ich erhalte: Wir sind glücklich Ihnen sagen zu können das Ihre E-Mail Adresse gezogen worden ist und Sie der Gewinner von €1.000.000.00 Euros(Eine Millionen Euro) sind.
Um Ihren Gewinn [...]
Guten Tag, begrüßt mich Mr. Barrister Kyeretwie Opoku, der sich in seiner Email als Rechtsanwalt bei der Law Trust Company in Afrika vorstellt, in diesem Schreiben möchte ich Sie mit einem etwas ungewöhnlichen Anliegen betrauen.
Es geht um folgendes: Ich brauche eine Vertrauensperson, die mir hilft, das Vermögen, das mein Klient, der gemeinsam mit [...]
Mein Herr, beginnt die an mich adressierte Email eines ausländischen Studenten, für meine Abschlussarbeit im Fach Linguistik bitte ich um ihr Einverständnis als Autor, darin auch Ihren derzeit erscheinenden Romantext wissenschaftlich untersuchen zu dürfen. . .
Ich aber denke sogleich an syntaktische und an grammatikalische Auffälligkeiten des Textes, an mir bislang verborgen gebliebene Abnormitäten darin, die [...]
Über die persönlichen Lebensumstände und Schicksale jener anderen Arbeiterinnen und Arbeiter habe ich so damals kaum etwas erfahren. Doch ich habe die Müdigkeit und die Leere gesehen, die die eintönige Arbeit am Band in ihren Mienen und Blicken hinterließ.
Entfremdete Arbeit bedeutete in diesem Zusammenhang nicht allein, immer nur einen winzigen Teilschritt innerhalb der Produktion auszuführen [...]






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